Bachelor und Master
Wieviel Abschluss braucht die Wirtschaft?
Zehn Jahre Bologna-Prozess. Bis 2010, so die bildungspolitische Beschluss-vorgabe von 29 Staaten im Jahre 1999, sei ein einheitlicher Hochschulraum zu schaffen. Jetzt ist das Euro-Studium da, und mit ihm Kritik an und von vielen Seiten. Im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung der nach dem „Tagungs-Tatort“ benannten Bologna-Reform stehen die neuen Abschlüsse Bachelor und Master, zumal eine wesentlich an diesen Begriffen festgemachte Unzufriedenheit im letzten Jahr zu massiven Protesten der Studierenden in über 50 Städten geführt hat.
Was schmeckt nicht? Aus Sicht der Studierenden sei das Studium keineswegs attraktiver geworden, die Hochschulen klagen über Bildungsunterfinanzierung und Verordnungsüberflutung, und Unternehmen wissen noch nicht so wirklich, wie sich die Qualifizierungen der beiden Abschlussstufen differenzieren.
Zeit, im Rahmen eines großen afwn-Forums nachzuhaken! Mit welchen Ansprüchen soll sich die Wirtschaft Bachelor und Master nähern? Was bringen die Absolventen mit? Wieviel Abschluss braucht die Wirtschaft überhaupt?
Zur Diskussion dieser Fragen hatte afwn am 6. Mai Vertreter der Universität und der Studierenden sowie Personalentscheider aus Nürnberger Unternehmen in den easyCredit-Hörsaal der Fakultät geladen:
Bettina Baetzner, Leiterin Human Resources Management, GfK SE;
Jutta Hubmann-Bähr, Leitung Personalwesen, STAEDTLER Mars GmbH & Co. KG;
Berthold Krausert, Personalleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, Datev eG;
Professor Dr. Martin Abraham, Leiter Career Service Fachbereich Wirtschaftswissenschaften;
Thomas A. H. Schöck, Kanzler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg;
Professorin Dr. Johanna Haberer, Vizepräsidentin für Lehre und Studium der FAU;
MR Dr. Wolfgang Strietzel, Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst;
Julia Gossler, FSI Nürnberg;
Nicole Kaiser, RCDS Nürnberg.
Moderatorin war Professorin Dr. Heidrun Stein-Kecks, Dekanin der philosophischen Fakultät, Fachbereich Theologie.
Das durchaus auch im übertragenen Sinn zu verstehende Master-Problem ist in der Forumsrunde schnell definiert: zuwenig Master-Plätze bringen eingeschränkte Studien- und Auswahlmöglichkeiten. Ein Unternehmen wie die GfK, so deren Leiterin HRM Bettina Baetzner, braucht als Abschluss nun mal eindeutig den Master (of Marketing Research MMR). Da die Master-Plätze allgemein jedoch schon in ihrem Zugang begrenzt sind, entsteht durch die verschiedenen Fachspezialisierungen noch zusätzlicher Engpass.
Um diesen Mangel auszugleichen und da ein Bachelor eben diese unternehmensspezifisch geforderte Methodenkompetenz eines Masters noch nicht erworben hat, so Jutta Hubmann-Bär, bleibt einem Unternehmen doch nur, proaktiv Bachelors in Eigenregie zu qualifizieren. Aus Sicht des Schreibgeräte-Herstellers STAEDTLER Mars ist diese Option durchaus auch positiv zu bewerten, zumal sich bei einem studienbegleitenden Programm die Chance bietet, gezielt und vor allem praxisbezogen mitzugestalten, hart am Mann sozusagen.
Diesen Vorteil schätzt unter anderem auch die Datev. „Den Bachelor hätten wir nicht gebraucht,“, sagt lakonisch Personalleiter Berthold Krausert, „wir können aber beides gebrauchen.“ Denn wo der Master schon oben genannten wissensgepolsterten, aber engeren Fokus hat, holt sich der Bachelor seine (weitere) Reife frisch im Unternehmen. Auch hier gilt: die Transparenz muss durch engen persönlichen Kontakt zum Studierenden praxisbegleitend gefunden werden.
Noch groß scheinen bei den Personalverantwortlichen Unsicherheit und Sorge, einer natürlichen Skepsis gegenüber den neuartigen Abschlüssen nicht professionell entgegengearbeitet zu haben. Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nun mal so: mangelnder Erfahrungsschatz in Sachen Bachelor und Master taugt einfach noch nicht zu matrixtauglichen Schlussfolgerungen. Was letzlich ja auch zur Fragestellung des afwn-Forums selbst geführt hat!
Um so größer, wie Johanna Haberer aus ihren Erfahrungen als Vizepräsidentin für Lehre und Studium der FAU zu berichten weiß, ist der Druck natürlich für die Studierenden, gerade am Anfang der „reformierten Zeit“ den Master geradezu blind anzustreben.
Aber bei aller Problematik, so Haberers berechtigte Stimme der Vernunft, sollte die Universität ihren Anspruch an sich selbst nicht vergessen: „Unsere Frage muss sein, wie werden die Studenten gut in ihren Fächern. Wir wollen bilden und nicht ausbilden!“
Und was sagen die Studierenden selbst? Im allgemeinen kritisieren Studenten, dass sie mehr oder weniger alle das Gleiche lernen, eben „lernen“, weniger „studieren“, wobei die Reife für den Arbeitsmarkt leidet. In diese Richtung argumentiert auch Julia Gossler: „Erst jetzt im sechsten Semester sehe ich den Weg und Zusammenhänge, wie ich mein Studium weiter gestalten kann.“ Und auch Nicole Kaiser betont: „Es gibt ein großes Interesse, über den Bachelor hinaus weiter zu machen, um eine größere Reflektionsebene über das Wissen zu erreichen.“ „Erst mit dem Master“, so ergänzt Gossler, „bekomme ich den Raum für Initiativen. Als Bachelor fühle ich mich noch nicht bereit, das Uni-Lernen gegen das Unternehmens-Lernen einzutauschen.“
Ist die Wirtschaft ungeduldig? Haben Studenten zu sehr Konsumentenhaltung mit dem Ruf nach der perfekten Lösungsvorgabe? „Es dauert einfach seine Zeit, bis sich was einschleift. Das ist bis jetzt noch nicht geschehen.“ beschwichtigt FAU-Kanzler Thomas Schöck die Fronten. Durchaus im Tenor von Professorin Haberer appeliert Schöck auch in seiner Funktion als Personalchef, bei der Sichtung von Bewerbern die Faktoren Persönlichkeit, Flexibilität, Motivation vor lauter Abschluss nicht außen vor zu lassen!
Viele gefühlte, aber auch reale Defizite seien auch dadurch zu erklären, so Schöck, dass ein Bachelor- und Masterstudium mit den bisherigen Finanzmitteln nicht zu finanzieren sei, wolle man jenem „kreativen Studieren“ mehr Raum geben.
Es war, wie Ministerialrat Wolfgang Striezel unterstreicht, klar, dass es die Reform erfolgreich „nicht zum Nulltarif“ geben wird.
Für die Unternehmen, so konstatiert Bätzner, komme zum jetzigen Zeitpunkt zusätzlich Unsicherheit dadurch, dass die neue Welt der Abschlüsse noch keinen Vergleich der Universitäten untereinander zulasse.
Es sei noch nicht möglich, unternehmensspezifisch Kernuniversitäten zu definieren. Übrigens ein durchaus aufwändiges und somit kostenintensives Unterfangen, das Unternehmen gegenwärtig nicht leisten wollen/können. Ein dickes Fragezeichen sieht Bätzner auch bei dem gerne zitierten Gedanken, ein Bachelor könne bei seiner Firma ja eine Auszeit nehmen, den Arbeitsprozess im Unternehmen unterbrechen, um den Master nachträglich zu erwerben. Welches Unternehmen, fragt Baetzner, kann sich diesen Luxus leisten?
Universitäten, so Haberer, seien durchaus in ähnlich schwieriger Lage wie Unternehmen: Welchen Bachelor-Absolventen favorisiert man für den Master-Gang?
„Wir wollten neu beginnen, aber das Fachliche früherer Abschlüsse nicht aufgeben. Das ist die Hürde.“ resümiert Haberer. „Aber,“ wie Dr. Seyd, Vorstandssprecher des afwn, einlenkt, „haben die Beiträge des Abends ja gezeigt, dass man durchaus konstruktiv aufeinander zugehen kann. Der Bologna-Prozess ist noch nicht abgeschlossen!
Peter Voigt
Der afwn e.V. dankt seinen Partnern für die Unterstützung bei der Ausrichtung der Forumsveranstaltung:
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